Das Jahr der Rosen

Roman

ISBN 3-938882-24-7

von Bernhard Ganter (www.bernhard-ganter.de) siehe auch Rezensionen

Lerato Verlag (www.lerato-verlag.de)

 

Prolog 

 

     Florian Becker betrat das Gartenhäuschen. Eigentlich war es mehr ein Wintergarten. An den Spalieren rankten Kletterrosen und pressten ihr Laub gegen das Glas. Auf dem lehmigen Boden breiteten sich Schnitt- und Buschrosen bis weit in den Raum hinein aus. In der Mitte stand ein Rattantisch mit zwei Stühlen. Es dämmerte bereits, und er zündete mit einem Streichholz die kleine Gaslaterne an, die, an einer Kette befestigt, von der Decke herabhing. Florian fühlte sich erschöpft. Er hatte in den letzten Nächten kaum geschlafen.

     »Warum lasst ihr eure Köpfe so hängen, freut ihr euch denn nicht darüber, dass ich hier bin?« Er fuhr sich mit beiden Händen über die Augen, die Nase, den Mund, als wollte er die Müdigkeit aus seinem Gesicht wischen, und stieß dann einen leisen Seufzer aus. »Ihr seid noch immer betroffen, nicht wahr? Ich hätte es euch nicht erzählen sollen, was man mir und Miriam angetan hat. Ich hätte euch nicht sagen sollen, dass ich ihn umbringen werde. Ihr mögt das nicht, wenn ich so daherrede, stimmt’s? Ihr seid zu zart besaitet! Oder langweile ich euch mit meiner Geschichte? Ist es euch unangenehm, wenn ich darüber spreche? O doch, es ist euch unangenehm, ich seh’s euch an. Ja glaubt ihr denn, für mich war es leicht, es euch zu sagen? Und warum habe ich es getan? Weil ich euch mag, weil ihr die einzigen seid, denen ich noch vertrauen kann! Und was macht ihr? Ihr reagiert nicht mal, wenn ich mit euch rede, ja mir scheint sogar, ihr wendet euch ab!« Er senkte den Blick. »Ihr traut mir nicht zu, dass ich den Verbrecher finde? Ich werde ihn finden, verlasst euch drauf. Puzzlestück für Puzzlestück werde ich suchen und zu einem Bild zusammenfügen, und irgendwann werde ich wissen, wie er aussieht und wo er sich verkriecht, dieser Hund. « Er sah auf, fixierte sie mit einem langen, ja fast bettelnden Blick, gerade so, als erwarte er von ihnen eine zustimmende Reaktion. »Ich muss jetzt nachdenken, nachdenken, nachdenken ...« Er schlurfte an dem Tisch vorbei, zur anderen Seite des Raumes, wo in einer Stellage einige Gartengeräte lagen. Dann murmelte er vor sich hin: »Ihr könnt nicht sehen, ihr könnt nicht hören, warum rede ich überhaupt mit euch?« Er hielt einen kurzen Augenblick inne. »Aber ihr könnt bestimmt fühlen, wie mir zumute ist, da bin ich mir sicher. Also zeigt es mir, erhebt endlich eure Köpfe.« Die schweigende Ereignislosigkeit, die ihm entgegenschlug, als wäre alles nur ein in Watte gebetteter Traum, ließ in ihm die Wut hochkriechen. »Vergesst nicht, ihr braucht mich, ohne mich seid ihr nichts! Ihr lebt von mir, und ich bin es, dem ihr euer Leben verdankt, der euch umhätschelt und versorgt. Ihr könntet ruhig etwas Dankbarkeit zeigen. Eure Leichenbittermienen machen mich krank.« Florian griff nach dem Sauzahn, einem Gartengerät mit einem krallenförmigen Zacken, und holte damit weit aus. »Vergesst nicht, ich kann auch euch das Leben nehmen, wann immer ich will!« Die scharfe Spitze des Sauzahns bohrte sich in die Erde. »Ihr zuckt zusammen? Wie ängstlich ihr doch seid! Ich tue euch schon nichts. Ich lockere nur die Erde, nichts weiter. Oder habe ich euch je etwas angetan?« Florian legte den Sauzahn beiseite, kniete dann auf dem Boden und grub seine Hände tief in die Erde. Er häufelte die obere Humusschicht rund um die Veredelungsstellen der Rosenstöcke. »Valencia, hab’ ich dir je Grund zur Klage gegeben?« Er wandte den Kopf. »Oder dir, Rebekka? Louise, Jacques, hab’ ich mich nicht immer selbstaufopfernd um euch gekümmert?« Florian nannte die Rosen immer dann beim Namen, wenn er sich über sie ärgerte. Er sah sie eine ganze Weile mit gekränkter Miene an, bevor er mit fester Stimme weitersprach: »Ihr werdet bald Gesellschaft bekommen.« Er rieb sich seine übermüdeten Augen. »Vielleicht ist sie anders als ihr«, fügte er nach einer Weile hinzu, als wollte er Eifersucht schüren. Florian hatte die Moschusrose Penelope in einem Gartenjournal entdeckt. Sie hatte ihm sofort gefallen, mit ihren zartgelben Blüten, und er hatte sich vorgenommen, die Pflanze bei nächster Gelegenheit zu kaufen.

     Florian fühlte sich schwach und abgespannt. Er setzte sich auf den Rattanstuhl und streckte seine Beine weit aus. Seine Arme fielen kraftlos über die Lehnen. Er schloss die Augen. »Ihr versteht mich nicht, ich weiß das. Wie solltet ihr auch.« Er lachte gequält auf. »Ich versteh’ mich ja selbst kaum.« Seine Stimme wurde leiser. »Ich muss nachdenken, nachdenken.« Schließlich murmelte er nur noch zusammenhangslos vor sich hin: »Er entkommt mir nicht, ich krieg’ ihn ... ich muss ihn totmachen, ja, totmachen.« So saß er, als Gefangener seiner Seelenpein und qualvoll in sich geduckt, unbeweglich auf dem Stuhl, und spürte die fortschreitende Gefühlsstarre in sich. Tote müssen ähnlich starr sein, dachte er. Er spürte ein leichtes Kribbeln auf seinem Handrücken. Seine Lider hoben sich träge. Es war eine Fliege, die sich auf seiner Haut niedergelassen hatte. Mit einer fahrigen Handbewegung verscheuchte er sie. Doch kaum hatte er die Augen wieder geschlossen, war sie wieder da und drangsalierte ihn erneut. Wütend versuchte er, sie mit der anderen Hand zu erschlagen. Es gelang ihm nicht. Er wusste, sie wartete nur darauf, bis ihm vor Müdigkeit die Augen zufallen würden, um ihn erneut zu piesacken. Eine ganze Weile verging. Es fiel ihm immer schwerer, wach zu bleiben. Wo war sie? Wo hielt sich das hinterhältige Biest versteckt? Schlafen, dachte er, schlafen, und dann war er plötzlich weg. In diesem Augenblick flog ihm die Fliege mitten ins Gesicht. Florian fuhr hoch und schlug wie wild um sich. »Du Drecksvieh, ich bring’ dich um«, schrie Florian, und es wurde ihm schlagartig bewusst, dass er im Grunde genommen nicht so sehr die Fliege hasste, die ihm keine Ruhe zu gönnen schien, sondern den Mann, der ihn eines Tages zum Mörder machen würde. Florian erhob sich. Er war mit einem Mal wieder hellwach – er wollte nach Hause, wenn auch ungern. Miriam würde bestimmt schon schlafen – er hoffte, dass sie schlief. Er wollte diesmal nicht den Bus nehmen, wie sonst. Er würde zu Fuß gehen, durch seine Stadt, die ihm inzwischen unerträglich geworden war.

     Wasserburg ist ein ruhiges idyllisches Städtchen. Kein Ort, an dem an jeder Ecke das Verbrechen lauert, wie in den Großstädten. Schon seine in sich abgeschlossene landschaftliche Lage ist eine Besonderheit. Die Altstadt wird bis auf eine schmale Landzunge auf allen Seiten vom Inn umflossen, so dass sie sich vom Steilufer aus, den so genannten Innleiten, als Halbinsel präsentiert. Diese geographisch einmalige Lage brachte der Stadt auch den Beinamen Bayerisches Venedig ein. Aber sonst ist sie eine enge, mit vielen Gassen und Winkeln versehene mittelalterliche Stadt, wie viele andere. Es gibt eine Frauenkirche, wie woanders auch, einen von alten Häusern mit Rokokofassaden eingesäumten Marktplatz, und an der Flussseite spiegeln sich Türme und Erker einer Festung mit ihren Burg- und Stadtmauern. Die Menschen unterscheiden sich nicht sonderlich von denen, die in den Großstädten leben. Nur war schon immer alles einen Deut kleiner und unbedeutender, was in Provinzstädten passiert. Eine ländliche Mittelschichtprominenz bestimmt die gesellschaftlichen Highlights und sorgt damit für Klatsch und Tratsch in der Bevölkerung; in den Regionalblättern werden Porträts von Heimatpflegern, Dorfdichtern und Kommunalpolitikern veröffentlicht, von Alten, die ihre achtzigsten Geburtstage feiern, als stelle das allein schon einen außerordentlichen Verdienst dar. Und auch die Verbrechen, die in einer solchen Stadt passieren, scheinen von geringerer Bedeutung als die in den Metropolen. Ansonsten schlummert man leise und friedlich vor sich hin, als existiere das Böse nur außerhalb der Stadtmauern.

     Aber plötzlich war alles ganz anders: Ein Ungeheuer war über die Stadt wie eine Naturkatastrophe gekommen, ohne dass es die Bürger mitbekommen hatten. Bis auf einen, Florian Becker. Unvorhersehbar, aus heiterem Himmel war das Unglück über ihn hereingebrochen und überströmte alles überflutend seine Stadt, seine Straße und sein Haus. Es war für ihn schier unerträglich, am eigenen Leib Ungerechtigkeiten erleben zu müssen, denen er ohnmächtig gegenüberstand und die nicht durch irgendeine Vorsorge verhindert werden konnten. Unvorhersehbar? Er wusste schon, dass es schreckliche Dinge gab, draußen in der Welt, in den Großstädten, bei anderen Menschen. Davon las man, davon hörte man, das sah man im Fernsehen. Aber jetzt hatte es ihn getroffen. Und wie alle Menschen, die von einem Unglück heimgesucht wurden, so stellte auch er sich immer wieder die Frage: Warum gerade ich? Ohne dass es ihm bewusst wurde, dass niemand sich diese Frage stellte, dem übermäßiges Glück begegnete. In seiner Verzweiflung suchte er nach Wegen, um das Unglück, das über ihn hereingebrochen war, zu verarbeiten. Noch besaß das Scheusal, welches das Unheil ausgelöst hatte, ein verborgenes Gesicht. Florian versuchte sich vorzustellen, wie es aussehen könnte. Sicherlich besaß es einen verschlagenen und alles verschlingenden Blick, lauerte mit erigiertem Glied hinter Büschen und Hecken der Grünanlagen, mit flockigem Geifer um das Maul. Florian plagte die Furcht, weil er zu wissen glaubte, wo diese Art von Fratzen zu finden seien. Oberhalb von Wasserburg, bevor die Straße in engen Windungen steil zur Stadt hinabfällt, befindet sich Gabersee, ein Klinikum für psychisch Kranke. Florian nannte sie, so wie alle in der Stadt, die Klapsmühle. Mehr oder minder geistig Behinderte saßen dort ein, Drogensüchtige, und manchmal auch gemeingefährliche Verbrecher, die irgendein Richter wegen Unzurechnungsfähigkeit dort eingewiesen hatte. Die Bewohner der Stadt und der umliegenden Dörfer hatten es ja schon immer vorhergesagt, dass von Gabersee aus einmal ein großes Unglück über sie hereinbräche, so unverantwortlich sorglos ging das dortige Personal mit den Patienten um. Auch Florian war stets davon überzeugt gewesen. Asylantenheime, fahrende Zigeuner, aber vor allem psychiatrische Kliniken hatten schon von jeher die Gemüter der Bürger erhitzt, Angst und Abscheu erregt – in Wasserburg, und anderswo. Da nahm man noch lieber das Parteibüro rechtsgerichteter Eiferer an der nächsten Ecke in Kauf – wobei für die wenigen objektiven Betrachter eine diesbezügliche Diskrepanz nicht allzu groß schien. Die von der Klinikleitung geführten Aufklärungskampagnen und Beschwichtigungsversuche bei der Bevölkerung hatten ihn nie so richtig überzeugen können. War nun die von vielen heraufbeschworene Prophezeiung eingetreten? War die Bestie dort ausgebrochen und trieb sich jetzt in der Gegend herum? Nach Wasserburg drangen schon zu allen Zeiten allerhand verworrene Nachrichten aus den umliegenden Dörfern. Ein entlaufener Lustmörder soll einst im nahen Wald in einer Höhle gehaust und sich von Beeren und totem Getier ernährt haben. Andere hätten sich nächtens wie umherstreifende Wölfe abgelegenen Gehöften genähert, um Frauen und Kindern aufzulauern. Manche behaupteten sogar, die Furcht einflößenden Gestalten draußen in der Dunkelheit vor den Schlafzimmerfenstern der Mägde gesehen zu haben. Vor einer Bäuerin wäre einmal so einer plötzlich hinter einem Heuhaufen hervorgesprungen und hätte vor den entsetzten Augen der Frau zu onanieren begonnen. Und wieder ein anderer gab lauthals bekannt, dass sich in seiner Abwesenheit ein solcher in den Stall geschlichen hätte, um sich an seiner Ziege zu vergehen. Und die Mutter hatte ihn, als er noch ein kleiner Junge war, immer ermahnt, sich nicht zu weit vom Haus zu entfernen, weil ihn sonst einer aus Gabersee holen und fressen würde. Was wusste er schon über diese armseligen Kreaturen? Nichts! Trotzdem traute er diesen Menschen alles zu – erst recht Vergewaltigungen. Irre? Heutzutage durfte man das Wort Irre ja gar nicht mehr in den Mund nehmen – seit fragwürdige Psychiater sie zu bedauernswerten Opfern erklärten. Aber konnte es ihm nicht egal sein? Was machte es für einen Unterschied? Er würde die Bestie finden, er würde sie töten – irgendwann.