HERZLOS (Best and Longseller in Deutschland/ Lübbe Verlag und Bielefeld Verlag, 3. Auflage)

Roman

Bernhard Ganter

Rezensionen (www.bernhard-ganter.de)

erschienen Juni 2008 by Qun Zhong Publishinghouse Beijing, China/ Hongkong, Taiwan an Macao

 

 

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Leseprobe

 

1. TEIL

 

KREDITE

 

 

 

Neapel. In der Via Nuova Poggioreale herrschte morgendlicher Berufsverkehr. Hektisch umherlaufende Menschen drängten sich auf der Straße ihren Arbeitsplätzen entgegen, Motorroller knatterten, Autos hupten, quietschten in den Kurven. Die Luft stank nach den Abgasen der Motoren.

     Vor einer Stunde hatte es noch geregnet. Die schmutzigen grauen Fassaden der Häuser spiegelten sich in den schillernden öligen Pfützen.

     In der Via Nuova Poggioreale befindet sich das berüchtigte Gefängnis: das Poggioreale. In Ganovenkreisen die Satansvilla genannt.

     König Umberto von Italien hatte es im vorigen Jahrhundert errichten lassen. Als er das Gefängnis nach dessen Fertigstellung besichtigte, war er entsetzt. Seine Worte: »Nur ein Sadist konnte dieses Gefängnis bauen.«

     In den winzigen Zellen waren bis zu vier Schlafpritschen übereinander an der Wand angebracht. Die Sträflinge lagen wie in Regalen. Der Höhenabstand zwischen den Pritschen war so klein, dass die Gefangenen nach oben nur wenige Zentimeter Bewegungsfreiheit hatten. Wollte sich ein Sträfling umdrehen, musste er sich aus dem Schlaflager herausschieben und andersherum wieder hineinkriechen. Die Fenster, für die Gefangenen unerreichbar, befanden sich in zwei Meter Höhe. Selbst wenn ein Mann auf den Rücken eines Kameraden stieg, war es ihm nicht möglich, mehr als ein kleines Stück vom Gefängnishof zu sehen. Der anderthalb Meter tiefe Fenstersims verlief steil nach unten, schränkte das Sichtfeld ein. Auch wenn die ganze Stadt im gleißenden Licht der Sonne lag, in den Zellen blieb es dunkel.

     Der vom König beauftragte Baumeister, der Sadist, ist nie über seine unmenschliche Schandtat hinweggekommen. Er beging Selbstmord.

     Langsam öffnete sich die rostige, verbeulte Eisentür der kleinen Pforte des Poggioreale-Gefängnisses. Dottore Massimo Calvi wurde in die Freiheit entlassen. Sein kleiner, übergewichtiger Körper schob sich schwerfällig durch die Enge der Pforte auf die Via Nuova Poggioreale hinaus. Er trug einen altmodischen, dunkelblauen Anzug, der stark nach Mottenpulver roch. In der rechten Hand hielt er eine abgewetzte, schwarze Reisetasche, die seine wenigen Habseligkeiten enthielt: Rasierapparat, eine Zahnbürste, Bücher, Fotos und Briefe.

     Ihm war es im Gefängnis nicht allzu schlecht ergangen, zumindest was das Essen betraf. Er hatte als Sanitätsgehilfe in der Krankenabteilung gearbeitet. Dort war die Kost vitaminreicher als in den anderen Abteilungen. Es gab weniger »Bremsgummi«, eine undefinierbare Wurstsorte, die nicht nur wie Fahrradbremsgummi aussah, sondern auch so schmeckte, und weniger Natokäse aus den Armeebeständen, auf dessen Büchsen das Verfallsdatum unkenntlich gemacht war. Auch kein »Affenfett«, ein margarineähnlicher Brotaufstrich, der wie Pattex das Gebiss zusammenklebte, und es gab weniger »Panzerplatten«, wie die Gefangenen das holzige Kohlrabigemüse nannten.

     Calvi hatte auch mehr Bewegungsfreiheit als seine Mithäftlinge. Er versorgte die Kranken, verteilte die vom Arzt bestimmten Medikamente, mit denen er einen schwungvollen Handel trieb. Seine Mitgefangenen rissen sich nicht nur um Tabak, Kaffee oder Pornohefte, sie rissen sich auch um bestimmte Tabletten, mit denen sie sich betäuben konnten, um für einige Stunden der Wirklichkeit zu entfliehen.

     Langsam ging Calvi die Straße hinunter, die noch ein Stück an der Gefängnismauer entlangführte. Er bewegte sich zaghaft, seine ersten Schritte in die neugewonnene Freiheit wirkten unsicher. Die Sommerschuhe, die ihm die Gefangenenfürsorge überlassen hatte, waren federleicht. Nicht so schwer wie die Halbstiefel, die er fünf Jahre lang hatte tragen müssen.

     Das ungewohnte Sonnenlicht trieb ihm die Tränen in die Augen. Oder waren es die Auspuffdämpfe der Autos, die er nicht mehr vertrug? Massimo Calvi blieb einen Augenblick stehen. Er betrachtete den verhassten Gefängnisbau, in dem die Zellen so klein wie Hühnerställe waren, hinter dessen Mauern eine ständige Dunkelheit herrschte, die die Menschen dort in den Wahnsinn trieb. Er dachte an den Gefängnishof, der so schmal war, dass ihn die Wände zu erdrücken drohten, der ihm den Himmel nicht sehen ließ, weil die gemauerte Überdachung den Blick nach oben verwehrte.

     Fünf endlos lange Jahre war dieser Gebäudekomplex sein Zuhause gewesen. Jahre, in denen sein Haar grau geworden war.

     Vor nicht allzulanger Zeit hatte er seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert. Aber Dottore Massimo Calvi sah aus wie sechzig. Er hatte in den matten Stahlblechspiegel geschaut, der in seiner Zelle über dem Waschbecken an der Wand hing. Er erkannte sich nicht wieder. Das Gesicht war von der ständigen Dampfkost aufgedunsen, seine glattrasierten Wangen wirkten fahl und schlaff, die Augäpfel mit der glanzlosen, bernsteinfarbenen Iris lagen tief in ihren Höhlen. So genau, so kritisch hatte er sein Gesicht noch nie betrachtet. Jahrelang war ihm der Spiegel nicht mehr wichtig gewesen. Erst als der Entlassungstag immer näher rückte, kehrte die Eitelkeit zurück. Der Spiegel gewann wieder an Bedeutung.

     Jahre voller Demütigungen lagen hinter ihm. Noch jetzt hörte er die hallenden Schritte der Gefängniswärter auf den Gängen, das Klirren der sich im Schloss drehenden Schlüssel.

     Calvi schüttelte den Kopf, als wollte er die quälenden Geräusche aus sich herausschleudern. Es gelang ihm nicht.

     Zum ersten Mal sah er das Fenster seiner Zelle von außen. Es befand sich im zweiten Stock, auf der Abteilung Genova. Alle Abteilungen hatten Städtenamen, hießen Milano, Roma oder Firenze.

     Calvi betrachtete das winzige vergitterte Loch, das nur wenig Licht in die Zelle fallen ließ. Es war eine andere Welt, die sich hinter diesen Mauern befand. Eine schreckliche Welt.

     Die berühmten Gefängnisse – wie das San Vittore in Mailand oder das Regina Coeli in Rom – waren gegen das Poggioreale wahre Erholungsheime. 1972 war es in dem neapolitanischen Gefängnis zu der größten Revolte gekommen, die das Land je erlebt hatte.

     Über zweitausend Häftlinge hatten schwere Verwüstungen angerichtet. Sie hatten eine Reform der Strafvollzugsordnung, besseres Essen, bessere sanitäre Verhältnisse verlangt. Die außer Rand und Band geratenen Meuterer hatten Zellentüren zerstört, ihre Strohsäcke verbrannt und die Einrichtungsgegenstände kurz- und kleingeschlagen. Viele der Wärter, die sich ihnen entgegengestellt hatten, wurden überwältigt. Bei den blindwütigen Schießereien waren über zehn Häftlinge zum Teil schwer verletzt worden. Die anrückenden Polizeieinheiten hatten nicht nur den Widerstand der Gefängnisinsassen zu brechen, sondern auch die Häftlingsangehörigen zurückzudrängen, die sich in wachsender Zahl vor dem Gefängnis versammelten und sich mit den Strafgefangenen solidarisch erklärten. Der Aufstand war von der Polizei blutig niedergeschlagen worden.

 

Calvi wischte sich mit der linken Hand über die fettige Haut des Gesichts. Er dachte an die Worte eines Mithäftlings: »Wenn du entlassen wirst, dreh dich nicht um. Wer sich umdreht, kommt ins Gefängnis zurück ...«

     Calvi lächelte. Er wollte und würde nicht zurückkehren. Da war er sich ganz sicher. Ein solches Omen galt nur für Verbrecher. Er fühlte sich nicht als Verbrecher, hatte sich nie als solcher gefühlt. Dass er vor fünf Jahren seine Frau getötet hatte, war noch lange kein Grund für ihn, sich zu den Kriminellen zu zählen. Es war ein Unglücksfall gewesen, ein idiotischer Unglücksfall.

     Damals, vor über fünf Jahren, hatte Calvi für Schlagzeilen in den Ärzteblättern auf der ganzen Welt gesorgt. Nach jahrelangen Forschungen auf dem Gebiet der Transplantation von menschlichen Organen hatte er ein Verfahren entwickelt, das bei Herzverpflanzungen eine neunzigprozentige Erfolgsquote versprach.

     Dottore Massimo Calvis Name war plötzlich in aller Munde.

     Von diesem Tag an verbrachte seine Frau Juliana nur noch ein Schattendasein. Er vernachlässigte sie immer mehr. Während er sich in seinem Erfolg aalte, aalte sie sich in den Armen eines anderen Mannes.

     Juliana war eine attraktive, lebenslustige Frau von achtundzwanzig Jahren. Zu jung und zu hübsch, um das brave Heimchen am Herd zu spielen, wie Calvi es gerne gesehen hätte. Er schloss sie immer mehr von seinem Leben aus. Hatte er Angst, jemand könnte sich für seine reizvolle Frau mehr interessieren als für ihn, den berühmten Chirurgen?

     Als Dottore Massimo Calvi hinter Julianas Liebesromanze kam, stürzte für ihn eine Welt zusammen. Er hatte sie noch nie geschlagen, aber an jenem Tag hieb er mit geballten Fäusten auf sie ein. Juliana schrie nicht, wehrte sich nicht. Sie hielt nur ihre schmalen, zarten Hände schützend vors Gesicht. Ihr Schweigen trieb ihn zum Wahnsinn. Er umklammerte mit der rechten Hand ihren langen, schlanken Hals, schleuderte sie mit voller Wucht durch den Salon der Villa. Julianas Kopf schlug gegen das spitze Knie der schweren, marmornen Amorstatue neben der Tür, ein Hochzeitsgeschenk von Freunden, das ihnen ewiges Liebesglück bescheren sollte. Ihr Körper sackte zusammen, fiel wie in Zeitlupe zu Boden.

     Fassungslos starrte Calvi auf das blutverschmierte Knie des steinernen Gottes. Es war Julianas Blut. Sie lag ausgestreckt auf dem dunkelblauen Perserteppich. Sie war tot.

     Calvi sah auf die hässliche, klaffende Wunde an ihrer Schläfe, sah das Blut, das ihr über die Wange rann, wie es zu Boden tropfte und im Teppich versickerte. Ihre toten Augen sahen ihn an. Es lag keine Angst in ihnen, kein Hass, aber auch keine Liebe, kein Verzeihen.

     Calvi saß die ganze Nacht neben ihr auf dem Boden. Er hoffte auf ein Wunder. Immer wieder griff er zum Telefon, um die Polizei zu verständigen, tat es aber nicht. Lange Stunden quälte er sich mit dem Gedanken, auch sein Leben zu beenden. Er fand nicht den Mut dazu.

     Nein, er durfte nicht aufgeben. Er war es den Menschen schuldig, die durch seine Hände auf eine Heilung hofften.

     Er musste die Leiche loswerden, Juliana als vermisst melden.

     In den frühen Morgenstunden hatte er sie in ein Bettlaken gehüllt und in den Keller getragen. Dort lag sie drei Tage. So lange brauchte Calvi, um wieder klar denken zu können. In der vierten Nacht verstaute er die Leiche im Kofferraum seines Rovers und fuhr mit ihr zum Friedhof San Giovanni, in der Via della Republiche Marinare.

     Er war am Vortag schon dort gewesen, hatte sich ein frisches Grab gesucht. Das Grab eines jungen Selbstmörders.

     Calvi stemmte Julianas Körper über die Friedhofsmauer, schleifte ihn im Schutz der Dunkelheit bis zum Grab, das er ausgesucht hatte. Die vielen roten Totenlichter auf den Gräbern warfen gespenstische Schatten. Immer wieder hielt er in seinen Bewegungen inne, lauschte angespannt in die Dunkelheit. Manchmal raschelte es in den Büschen, knackte ein dürrer Zweig. Es gab viele Kleintiere auf dem Friedhof. Calvi zuckte jedes Mal zusammen, sein Herz drohte stillzustehen. Er entnahm dem Sack, in dem die Leiche steckte, einen zusammenklappbaren Spaten und begann zu graben. Der Schweiß rann ihm über die Stirn in die Augen. Calvi war sich sicher, niemand würde es je erfahren, dass in dem Grab zwei Tote lagen.

     So gut sein Plan auch war, er scheiterte. Die Staatsanwaltschaft ließ wenige Wochen später den Selbstmörder wieder ausgraben, da Zweifel an dessen Todesursache aufgekommen waren. Die Totengräber fanden Juliana. Und die Polizei ihren Mörder.

     Erneut sorgte Dottore Massimo Calvi für Schlagzeilen. Der berühmte Chirurg war plötzlich ein berühmter Mörder.

     Calvi bekam ein relativ mildes Urteil: fünf Jahre Gefängnis wegen Totschlags. Nie mehr, darüber war er sich im klaren, würde er wieder als Chirurg arbeiten können. Kein Krankenhaus der Welt konnte es sich leisten, einen wegen Totschlags Verurteilten zu beschäftigen. Doch er hatte sich geirrt.

     Massimo Calvi hatte inzwischen die Bushaltestelle erreicht. Er wollte zum Hauptbahnhof. In einer Stunde ging sein Zug. Während er auf den Bus wartete, kramte er aus seiner Jackentasche einen Brief hervor. Das Papier war abgegriffen und speckig. Calvi erinnerte sich nicht, wie oft er diesen Brief schon gelesen hatte. Er blickte auf den Absender: Clinica della vita, Bolzano – Klinik des Lebens, Bozen.

     In dem Brief wurde er aufgefordert, nach Bozen zu kommen. Ein lukratives Angebot würde ihn dort erwarten. Massimo Calvi brauchte ein lukratives Angebot. Seine Taschen waren leer. Sein Vermögen hatten die Anwälte gefressen.